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Ironisches Spiel mit dem Narren-Image

Posted by on 6. Juli 2012

Fußball – Mainzer Kulturanthropologin vergleicht die 05er, die Lauterer und ihre Fans
Von unserem Mitarbeiter Gerd Blase

Mainz. Stolz trägt Tilman das 05-Trikot. „Schürrle“ steht auf dem Rücken. So ein kleiner Junge hat eigentlich nichts zu suchen bei der Antrittsvorlesung einer Akademikerin für die Venia Legendi, die Lehrerlaubnis. Doch dies ist eine Ausnahme, denn seine Mama hält den Vortrag. Und Dr. Christina Niem spricht über den 1. FC Kaiserslautern und den FSV Mainz 05. Ihr Thema: „Repräsentation von Region oder Wettstreit regionaler Identitäten? Zwei rheinland-pfälzische Bundesligavereine im Vergleich.“

Wir sind nur ein Karnevalsverein (MRZ 6.7.2012)

3. Juli 2011: Schwellköpp laufen vorneweg, Fastnachtsvereine sorgen für Stimmung, ein Umzug der fastnachtlichen Art ist im Gange. Dabei ist es der FSV, der vom Bruchweg in die Coface-Arena wechselt. „Der Verein tituliert sich selbst als Fastnachtsverein und bringt so sein Anderssein zum Ausdruck“, meint Niem vom Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft. Im Fach Kulturanthropologie/Volkskunde untersucht sie, was regionale Grenzen in einer globalisierten Welt noch bedeuten.

Bei den Fußballvereinen und ihren Fans bedeuten sie einiges. Unsicherheiten des eigenen Lebens werden ausgeglichen durch den Rückhalt in der Region. Diesem Bedürfnis kommt Mainz 05 entgegen. Was einst die Gegner ironisch skandierten, nehmen die 05er heute offensiv auf: „Wir sind nur ein Karnevalsverein.“

225 Mainz-05-Fanclubs läßt Niem Revue passieren, davon 92 in Mainz, 65 in Rheinhessen. In ihren Namen spiegelt sich oft die Region, mal durch den Dialekt wie bei den „Meenzer Flehlabbe“, mal durch Hervorhebung örtlicher Wahrzeichen bei „05er im Schatten des Doms“ oder schlicht als Heimweh in Berlin: „Bruchweg Sehnsucht.“

Als etablierterer Verein hat der 1. FC Kaiserslautern mehr Fanclubs, keine Frage. Doch sie sind weiter gestreut, also nicht so sehr auf die Region konzentriert. „De Betze“ ist zwar Identifikationspunkt, doch daneben spielt ein überregionaler Faktor mit: Zum Wunder von Bern trugen 1954 neben Fritz Walter vier weitere Lautern-Spieler bei.

Mit Interpretationen geht Niem sparsam um, doch ist sie sicher: Beide Vereine repräsentieren nicht so sehr Rheinland-Pfalz, sondern eher ihre engeren Regionen. Wobei der bisher erfolgreichere FCK seine Wurzeln über die Region hinaus streckt – auch bis nach Rheinhessen, ins Gebiet der 05er, wo sich seine Fanclubs finden.

Um die Fans geht es Niem im nächsten Schritt. Sie werden befragt. Einen eindeutigen Sieger im Wettstreit wird sie selbst dann nicht ausmachen. Ihr Sohn Tilman wird garantiert anderer Meinung sein als die FCK-Anhänger. Aber einen tieferen Einblick in ein Gebiet, das die Forschung nicht allzu häufig in den Mittelpunkt stellt, hat Niem schon mit dieser Vorlesung geboten.