Quo vadis, Gegengerade?

Stadion am Europa-Kreisel

Die Stimmung auf der Gegengerade in der Diskussion…

Ein Kommentar von Christian Viering

Es muss etwa 2008 gewesen sein. Vor dem Haasekessel im Schatten des Bruchwegs saßen gerade Fanvertreter aus den Reihen der Supporters, USM, Fanprojekt und der Fanbeauftragten mit Harald Strutz und Christian Heidel zusammen. Thema dieser Runde war das neue Stadion und wie es denn einmal aussehen sollte. Die Fanvertreter hatten natürlich zahlreiche Forderungen und Wünsche in Bezug auf ein neues Stadion. Einer, der ihnen besonders am Herzen lag, war damals sicherlich der Erhalt der Gegengerade. Eine Gegengerade mit Stehplätzen wie im altehrwürdigen Bruchweg sollte es auch im neuen Stadion geben, denn die Gegengerade hatte sich im Bruchweg als wichtiger Faktor für die Atmosphäre im gesamten Stadion erwiesen. Den Vereinsvertretern war natürlich klar, dass dies einen großen Einnahmeverlust bedeuten würde. Schließlich hätte man mit der Ausweisung einer kompletten Sitzplatztribüne die Tickets erheblich teurer verkaufen können, als es im Falle einer halben Stehtribüne möglich sein würde – und das auch noch auf den annähernd besten Plätzen im gesamten Stadion.

Am Ende gaben die 05-Verantwortlichen jedoch bereitwillig dem Druck der Fans nach, denn diese hatten ja tatsächlich sehr starke Argumente auf ihrer Seite. Die Gegengerade im Bruchweg war ja schon etwas Seltenes im deutschen Profifußball. Stehplätze über die gesamte Länge des Spielfeldes, wenn auch direkt neben dem Gästeblock. Vor allem aber war die Gegengerade im Bruchweg ein Garant dafür, dass die Stimmung bis weit in die gegnerische Hälfte getragen wurde. So mancher Gäste-Fan aus der Republik wird sich verwundert die Ohren gerieben haben, als er anerkennen musste, von wem er da gerade in Grund und Boden gesungen wurde. Natürlich hatte die Gegengerade, genauso wie der Rest vom Bruchweg, auch zahlreiche schlechtere Tage, an die sich nur keiner mehr erinnert – warum auch. Wenn sie jedoch gebraucht wurde, war sie da und es gab eine gewisse Konstanz in der Unterstützung der Mannschaft. Damals bestand die aus deutlich mehr, als 2-mal pro Spiel mit gelangweilten FSV-Rufen die Ultras zu ärgern.

Natürlich wurde versucht, dieses Flair mit ins neue Stadion zu nehmen. Allerdings muss man inzwischen leider relativ deutlich sagen, dass dieses Unterfangen gescheitert ist. Das, was mittlerweile auf dieser Gegengerade im Supportbereich passiert, ist einfach nur unterirdisch. Kein Antrieb, keine Unterstützung, nur Gemecker, und das auch noch auf teilweise grenzwertigem Niveau. Da wird nicht mal mehr im falschen Takt mitgeklatscht.

Ich frage mich ja ernsthaft, was mit dem Menschen passiert ist, die früher im Bruchweg die Gegengerade bevölkerten. Sind sie ausgewandert, bleiben die daheim, gehen sie zum SVWW oder haben sie Pech bei der Dauerkartenvergabe gehabt? Ich weiß es nicht. Offensichtlich ist es jedenfalls so, dass der Großteil der Dauerkarteninhaber im Supportbereich keinesfalls willens ist, zu supporten – und sie waren es nie! Jetzt werden natürlich direkt wieder die Spezialisten auf den Plan treten und sagen, das sei wegen den ganzen neuen Liedern, die sie nicht kennen.

Dieses Argument zieht aber nicht, denn selbst die alten Gassenhauer, mit denen wir 2004 den HSV oder Werder in Grund und Boden gesungen haben, werden doch nicht mehr mitgesungen. Selbst auf den Sitzplätzen oben auf der Gegengerade wird noch gesungen und geklatscht, im Übrigen deutlich mehr als unten. Ich habe damals gekämpft für die Gegengerade bzw. den Supportbereich und ich kann Euch heute nicht mehr sagen, wieso. Wenn der Verein morgen sagen würde, ab 2016/17 gibt es nur noch reine Sitzplätze auf der Gegengerade, mir würde nicht ein einziges Argument einfallen, was dagegen spräche. Ein kleiner Hoffnungsschimmer würde in einer eventuellen Neuvergabe der dortigen Dauerkarten liegen, was jedoch rein organisatorisch nur sehr schwer realisierbar sein wird. Tatsächlich kenne ich aber viele Dauerkartenbesitzer von der reinen Stehtribüne, die liebend gern auf einen Platz im Supportbereich wechseln würden, was der Stimmung dort sicher gut tun würde. Die Frage wäre, ob bzw. wie eine Neuvergabe der Support-Plätze möglich gemacht werden könnte. Darin sehe ich die einzige Chance. Die Gegengerade in ihrer jetzigen Zusammensetzung ist tot, und dass der untere Bereich immer noch als Supportbereich bezeichnet wird, ist allenfalls ein schlechter Witz.

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Forever trust in who we are…

Choreo zum Saisonauftakt (Quelle: Rick)

Choreo zum Saisonauftakt (Quelle: Rick)

Jetzt mal ernsthaft: Erster Spieltag zu Hause gegen einen Aufsteiger? Hat da ernsthaft einer ein Schützenfest erwartet? Ich erinnere ja nur ungern an Fürth oder Augsburg, die sich in Mainz ihre ersten Bundesliga-Sporen verdienten. Nun durfte also auch Ingolstadt das erste Mal beim FSV jubeln. Eine brave Truppe ohne Stars, die in exakt dieser Zusammensetzung schon die zweite Liga dominierte im letzten Jahr. Klingelt da was? Kommt einem das nicht bekannt vor? Bingo! Genau so haben die 05er in ihrer ersten Bundesliga-Saison die eine oder andere kleine Überraschung geschafft. Dass wir nun das „Opfer“, die Leidtragenden sind, ja, das kommt vor.

Nachdenklich stimmt nicht das Endergebnis, sondern vielmehr das „Wie“. Die 05er hatten eine gute Phase zwischen der 45. und 65. Spielminute. Besonders ärgerlich, dass ausgerechnet in diese Drangphase das Siegtor des FCI gefallen ist.

Doch das Übel begann schon früher. Schon in der ersten Halbzeit war der Aufsteiger giftiger, leidenschaftlicher, einsatzfreudiger. Bell und Bungert wussten gar nicht, wohin sie den Ball spielen sollten, so schnell stürzten die drei Pressingstürmer aus Ingolstadt sich auf den ballführenden 05-Verteidiger. In diesen und ähnlichen Situationen ließ sich erahnen, dass der FCI es mit den ureigenen 05-Tugenden in Mainz probieren würde. Eklig sein, giftig, unangenehm zu bespielen. Das gelang. Torchancen für den FSV waren Mangelware, sieht man von zwei Freistößen und einer knappen Abseitsentscheidung ab. Zwar kann man auch nicht behaupten, dass die Ingolstädter ein Chancenfeuerwerk abgebrannt hätten – nichtsdestotrotz spürte man: Die sind nicht gekommen, um sich hinten reinzustellen und einen Punkt zu ermauern.

Noch bitterer: Nach dem 0:1 zeigte der FSV keine großen Nehmerqualitäten. Man spielte sich einen Wolf um den nun immer besseren FCI-Abwehrriegel, die hohen Bälle wurden alle dankbare Beute für Roger, Matip und Co. – und die Standardsituationen beschworen ebenfalls kaum nennenswerte Gefahr herauf, sieht man von einer schönen Variante ab, die zwar zum Tor führte, allerdings aufgrund einer Abseitsposition ebenfalls berechtigterweise nicht gegeben wurde.

Es zeigt sich: Wenn die schnellen Außenspieler keine Räume für ihre Gegenstöße bekommen, wenn die Bälle vor allem hoch und weit in den 16er fliegen, fehlt es im 05-Kader noch an einer Bundesliga-erprobten Alternative zum jungen und sicher mit Potenzial gesegneten Florian Niederlechner. Das zeigt sich auch daran, dass am Ende der gelernte Innen- und Rechtsverteidiger Balogun als kopfballstarker Spieler fürs Zentrum eingewechselt wurde. Hier besteht – bekanntermaßen – erheblicher Nachbesserungsbedarf.

In den Medien konnte man zumindest dahingehend O-Töne von Schmidt und Heidel vernehmen, dass man an dieser Personalie dran ist und zeitnah noch etwas macht. Man wird also keinesfalls so blauäugig sein, mit dem aktuellen Kader die Hinrunde bestreiten zu wollen. Das ist gut zu wissen.

Die im Forum diskutierten Namen Hrgota und Szalai sind zumindest bundesligaerfahren und beide noch nicht im allerbesten Fußballalter – haben noch Potenzial, Hrgota mehr noch als Adam. Adams Stärken und Schwächen kennen wir, Hrgota hat schon vor geraumer Zeit in Mainz einmal demonstriert, was er kann. Ob einer der beiden allerdings bezahlbar ist, oder es doch auf die Variante „unbekannter Stürmer aus kleiner Liga“ hinausläuft?

Am Rande erwähnt:

„Nothing else matters“

Die Choreo zu Spielbeginn war herausragend und diente eigentlich als perfekte Einstimmung auf die Saison. Nur schade, dass ihr ein solches Spiel folgte.

Alles Pfeifen?

Die Pfiffe am Spielende werfen bei mir mal wieder die Frage auf, wie wenig Kredit diese neue Mannschaft eigentlich beim Publikum hat. Ich wiederhole mich: Am fehlenden „Wollen“ hat es nicht gelegen, ebenso konnte ich keinerlei Arroganz oder Überheblichkeit ausmachen. Woran es genau lag? Das müssen Martin Schmidt und sein Trainerteam herausfinden und an den notwendigen Stellschrauben drehen. Nichtsdestotrotz dürfte es (gerade für die Neuen) etwas unwirklich wirken, wenn man im Vorfeld hört, wie nett und familiär alles ist, um sich dann nach dem ersten (!!!) verlorenen Spiel direkt wütende Pfiffe anhören zu müssen. Womit wir wieder beim Thema Erwartungshaltung wären. Aber diese Büchse der Pandora mache ich heute nicht mehr auf.

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